Gastrezension von Björn Gieseler
Wir schreiben das Jahr 2075, Amerika ist im Krieg. Mal wieder, dieses Mal aber mit sich selbst. Über das Verbot von fossilen Brennstoffen geraten die Bundesstaaten in einen Bürgerkrieg, bei dem schlussendlich mehrere Staaten unter ein Protektorat von Mexiko geraten und sich Louisiana, Mississippi, Alabama und Georgia als Freie Südstaaten abspalten. Große Landstriche der USA sind dem Klimawandel zum Opfer gefallen indem sie durch die Hitze fast unbewohnbar geworden sind oder wie z.B. Florida im Meer verschwunden sind. In diesem dystopischen Szenario lässt Omar El Akkad „American War“ spielen, dessen Prolog von einem, ehemaligen Geschichtsprofessor geschrieben wird, den man aber auch schnell wieder vergessen hat, denn bald taucht mit Sara T. Chestnut die Hauptfigur des Romans auf. Sarat, wie sie eigentlich genannt wird, lebt mit ihren Eltern, ihrer Zwillingsschwester und ihrem Bruder in einem rostigen Blechcontainer am Mississippi, der mittlerweile zu einem Meer geworden ist. Die Familie ist arm, die Kinder sind aber glücklich und Hunger müssen sie nicht leiden, da die Südstaaten durch ausländische Hilfslieferungen und natürlich auch durch Waffenschmuggel künstlich am Leben gehalten wird. Besonders hervor tut sich das Bouazizi-Reich, dass sich nach dem fünften Frühling aus allen arabischen Ländern zusammengeschlossen hat und dessen Reichtum durch die Solaranlagen im ehemaligen Saudi-Arabien begründet liegt. Erst als der Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben kommt und die Mutter mit den Kindern ins Flüchtlingslager „Camp Patience“ geht, wird deutlich wie wenig Perspektive doch das Leben im Süden hat und wie die Fronten verhärtet sind.
Omar El Akkad hält mit „American War“ den USA schonungslos den Spiegel vor. Das Perfide an dem Buch ist, dass er nichts erfunden hat, sondern alle Ereignisse einfach nur in den USA stattfinden lässt. Viele der Ereignisse hat er selbst erlebt, da er als Journalist für die kanadische Zeitung „The Globe and Mail“ in Afghanistan war, in Guantanamo als Berichterstatter bei Militärgerichtsprozessen und während des arabischen Frühlings in Ägypten. Dort ist er auch geboren, aufgewachsen ist er aber in Katar und mit 16 Jahren nach Kanada gezogen.
Drohnenangriffe, Flüchtlingselend, Naturkatastrophen, Terrorismus, Foltercamps, Schikanen durch den Feind, einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge und schon macht man aus spielenden Kindern verbitterte Erwachsene, die zu allem bereit sind. Doch die USA wären nicht die USA wenn sie so weit reflektieren würden. Die amerikanischen Medien haben zum großen Teil „American War“ abgefeiert und es auch auf sich selber unter Präsident Trump bezogen. Doch steckt noch viel mehr Kritik, wie z.B. an Israel, in dem Buch und es werden fast alle Sprünge in der Erzählung und Unklarheiten in der Persönlichkeit von Sarat hingenommen. Das Wort Hype trifft die Umgehensweise der amerikanischen Presse mit dem Buch sehr gut.
Omar El Akkad ist kein großartiger Autor, er ist ein Journalist, der seinen ersten Roman geschrieben hat und für diese knapp 450 Seiten auch nur ein Jahr benötigt hat. Mit „American War“ ist ihm aber eine Dystopie in einer postapokalyptischen Umgebung gelungen, die den Leser zum Nachdenken bringt, die ihn schwer schlucken lässt und gleichzeitig aber auch Humor enthält. Sollte ein gewisses Interesse für aktuelle Politik und Geschichte im potentiellen Leser existieren, gibt es von mir eine Kaufempfehlung für „American War“.
S. Fischer, 2017
Hardcover 448 Seiten