Stolpersteine - Einem Familiengeheimnis auf der Spur
Eine berührende Geschichte mit einem bemerkenswerten Protagonisten.
In ihrem Buch „Stolpersteine“ erzählt Anja Hellfritzsch von der Suche nach ihren Vorfahren.
Klingt erstmal banal, viele Menschen haben wahrscheinlich schon versucht, die Zweige ihres Stammbaumes zurückzuverfolgen. Hier jedoch hat die Autorin nicht nur gesucht und gefunden, sondern das Ganze auch noch sehr anschaulich in eine persönliche Geschichte verpackt, die mich sehr deutlich in die Zeit Anfang und Mitte des letzten Jahrhunderts versetzt hat. Manchmal mehr, als mir lieb war.
Natürlich habe ich schon davon gehört, welche Gräueltaten unter Hitler verübt wurden. Und natürlich weiß ich auch, glücklicherweise nur theoretisch, das ein Krieg mit viel Leid verbunden ist. Trotzdem ist es nochmal ganz anders, wenn es so persönlich und direkt erfahrbar ist, wie in diesem Buch.
Anja Hellfritzsch weiß, dass ihr Großvater bei Pflegeeltern aufwuchs. Seine leibliche Mutter ist früh verstorben und über seinen Vater weiß er kaum etwas und mag auch nicht darüber reden. Trotzdem ist die Neugier der Autorin geweckt, und sie beginnt zu recherchieren. Sie findet seinen Namen heraus, Berthold Wicklmair, und einiges über dessen Leben.
Dann wechselt die Perspektive, und als Leser ist man mittendrin in genau diesem Leben. Das neue Jahrhundert hat gerade erst begonnen, man erfährt ein wenig über die Eltern Bertholds und über die Wege, die er selbst beschritt, die Sackgassen, die er dabei erwischte und auch über die wenigen guten Dinge, die ihm widerfuhren. Der Leser trauert mit ihm darum, dass er seine große Liebe nicht heiraten durfte aufgrund der Willkür einiger Männer. Fühlt mit, als er seinen letzten Weg beschreiten muss. Hofft die ganze Zeit auf ein Happy End.
Aber seine Geschichte ist nicht fiktiv, sondern beruht auf wahren Begebenheiten, es sind die Erlebnisse einer Person, die in Nazideutschland lebte und Mitglied der KPD war. Jeder, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, wird das Ende ahnen.
Auch die Geschichte von Bertholds Vater wird nachverfolgt und beleuchtet, diese endet schließlich in der Gegenwart in Amerika.
Letzten Endes hat Anja Hellfritzsch es geschafft, sie hat ihre Wurzeln aufgedeckt und als sie dachte, sie sei schon am Ende ihrer Suche angekommen, fand sie doch noch wieder etwas Neues heraus.
Zwei Dinge, habe ich beim Lesen sehr intensiv empfunden: Den unbedingten Willen, es nicht zuzulassen, dass sich ein Deutschland unter nationalsozialistischer Macht wiederholt und Bewunderung für die Menschen jener Zeit, die sich trotz widrigster Umstände durch ihr Leben kämpften und das bestmögliche daraus machten.
Das Alles klingt vielleicht jetzt sehr pathetisch, vielleicht auch übertrieben. Aber es ist einfach Fakt, dass mich dieses Buch sehr berührt hat. Es ist nur schwierig, diese Empfindungen in die passenden Worte zu verpacken, so dass sie dem Werk gerecht werden.
Der Schreibstil der Autorin ist sehr eindrücklich und klar, das Buch lässt sich sehr gut in einem Zug durchlesen. Die Perspektivenwechsel zwischen Vergangenheit mit einem Erzähler von außen und Gegenwart mit Ich-Erzähler empfand ich als sehr angenehm, am interessantesten waren definitiv die historischen Stellen.
Die Figuren wirken echt, ihre Handlungen sind nachvollziehbar und menschlich. Sie sind nicht immer nur gut, es sind keine Übermenschen, die alles richtig gemacht haben, sondern ganz normale Personen mit Ecken und Kanten.
Insgesamt empfehle ich das Buch gerne und ohne Einschränkung weiter. Sicherlich, für historisch Interessierte mag es einen besonderen Reiz haben, aber auch solche Leser, die gerne Familiengeschichten und Co. Mögen, sollten hier unbedingt reinschauen. Ich kann es drehen und wenden wie ich will: Ich finde keinen Haken an dem Buch und wünsche der Autorin ganz viel Erfolg damit.
225 S., Taschenbuch, Verlag Neue Literatur,
Weiterführende Informationen zu der Autorin finden sich auf ihrer Webseite.