Sylvia Rieß

Der Axolotlkönig

Märchenspinnerei Band 1

 

 

Märchenhaft berührend – ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

 

Fynn ist beliebt, bei den Mädels begehrt und angehender Rockstar. Glaubt er jedenfalls, an Selbstbewusstsein mit Hang zum Größenwahn mangelt es ihm nicht gerade. Aber auch wenn er es niemals zugeben würde: Hinter seiner großen, arroganten Klappe lauert ein weicher Kern, und dieser ist es schließlich, der ihn im Verlaufe der Geschichte zu einem ganz netten Kerlchen werden lässt. Kerlchen trifft es hier ganz gut, schließlich ist dieses Buch an das Märchen vom Froschkönig angelehnt, also verwandelt sich Fynn in einen...

Lurch.

Lurchkönig klingt aber doof, deswegen ist er ein besonderer seiner Art geworden: Ein Axolotl. Zugegeben, vor dem Lesen dieses Buches wusste ich noch nicht einmal von der Existenz dieser Tiere, und auch Fynn merkt schnell, dass er als Mensch deutlich mehr Handlungsmöglichkeiten hatte. Insbesondere auch, weil er nicht etwa in einem netten Teich leben darf, sondern in einem Aquarium, noch dazu bei dem langweiligsten Mädchen seiner Klasse: Leonie Kallenbach.

Leonie ist eine hässliche Brillenschlange, die höchstens zur allgemeinen Schulbelustigung taugt.

Dass sie jedoch auch ein intelligentes, gefühlvolles Mädchen ist, welches schrecklich unter dem Mobbing seiner Mitschüler leidet, merkt Fynn erst, als es beinahe zu spät ist. Allein mit seinen mageren Lurch-Kräften wird er Leonie jedoch kaum helfen können, und selbst die mysteriöse Mamba mit ihren magischen Fähigkeiten scheint keine Lösung zu haben...

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe bei dieser Märchenadaption nichts, aber auch rein gar nichts gefunden, worüber ich meckern könnte.

Das, was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, war die geballte Masse an Emotionen.

Es kommt selten vor, dass mich ein Buch zu Tränen rühren kann, dieses hat es geschafft. Die beiden Protagonisten Fynn und Leonie wirken so echt und authentisch in ihren Handlungen, selbst wenn sie im Aquarium herumpaddeln, dass ich ihnen jedes Wort und jede Tat abgenommen habe. Das arrogante Bild, das Fynn zur Schau stellt, um sein verletzliches Inneres zu schützen wirkte ebenso plausibel, wie die Ohnmachtsgefühle von Leonie, die selbst nachmittags noch von ihren Mitschülern runtergeputzt und gedemütigt wurde, den sozialen Netzwerken sei Dank.

Mit den Themen „Mobbing“ und „jugendliche Depressionen“ hat die Autorin sich natürlich an Gebiete gewagt, die nicht gerade für eine leichte Lesekost sprechen. Nichtsdestotrotz sind es wichtige Themen, und welches Genre böte sich besser an, um kritisch über bestimmte Sachverhalte nachzudenken, als Märchen?

Dennoch ist der Schreibstil angenehm leicht, einen erhobenen Zeigefinder sucht man glücklicherweise vergebens. Und immer mal wieder schleichen sich auch selbstironische, teilweise sogar bissige Sequenzen ein, die das Ganze ein bisschen auflockern und etwas Witz in die ernste Sache bringen.

Die Perspektivenwechsel zwischen Leonie und dem Lurch bringen eine deutliche Dynamik in das Buch und lassen den Leser ganz nah am Geschehen teilhaben, die verwendete Gegenwartsform sowie der Ich-Erzähler verstärken dies noch zusätzlich.

Natürlich ist es ein Märchen und damit muss sich die Geschichte auch nicht an die reale Welt bzw. deren Gegebenheiten halten. Trotzdem sind die Motive und Taten der Figuren nicht so weit hergeholt, es gibt mit Sicherheit genug Leonies in unserer Gesellschaft, auch wenn sie wohl keinen Lurch an ihrer Seite haben.

Das Ende bietet ebenfalls keinen Anlass für Kritik, es ist schlüssig, rund und ich mag es.

Insgesamt ist dieses Buch rundum gelungen und weit oben in meiner Favoritenliste gelandet. Ich empfehle es eigentlich allen Menschen, insbesondere aber junggebliebenen Erwachsenen, Jugendlichen ab zwölf Jahren und generell all jenen, die Märchen und ihre Adaptionen lieben.

Eine ganz klare Kaufempfehlung also von mir :-)

Ach ja, und als letzten Satz hier noch mein Lieblingszitat, vom Axolotlkönig gar selbst:

 

„Ein Lurch muss tun, was ein Lurch tun muss!“

 

CreateSpace, 304 Seiten, Taschenbuch, 2017

Zum Buch

 

 

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Kommentare

  • Sylvia Rieß (Mittwoch, 15. Februar 2017 21:11)

    Das ist so eine wunderschönne Rezension, dass ich das Buch glatt selbst kaufen würde.

    Einfach nur vielen, vielen Dank dafür. :D

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