Winters zweiter Fall
25.03.2018
Rasant, undurchschaubar und gruselig-perfekt.
Richard Winter, ein Privatdetektiv, der sich auf okkulte Fälle spezialisiert hat, wird ins ostfriesische Dorum gerufen. Hier leidet eine ganze Straße unter mysteriösen und sehr brutalen Mordfällen, die in jeder Vollmondnacht verübt werden. Es gibt nicht die geringste Spur, die auf einen Täter verweist, nur unheimliche Klopfgeräusche und blutige Spuren an fast jedem Haus. Der Mörder scheint überall gleichzeitig zu sein, so dass es nicht verwundert, dass selbst der Bürgermeister an Geister zu glauben beginnt. Doch was ist, wenn gar kein Geist umgeht, sondern die Dorumer selbst etwas zu verbergen haben? Niemand will mit Winter sprechen, es scheint, als solle er den Fall gar nicht lösen. Auch sein Neffe und Praktikant Michael erreicht nichts weiter, und als sie dem Rätsel näher kommen, ist es zu spät. Sie sind zu nah …
Nachdem ich vom ersten Buch Thomas Vauchers schon hin und weg war, waren meine Erwartungen an dieses Werk sehr hoch. Ich wusste, dass mir der Schreibstil des Autors sehr gefällt, und dies hat sich hier bestätigt. Flüssig zu lesen, angenehm und passend in der Wortwahl und derbe genug für den einen oder anderen Mord, den ich in diesem Genre natürlich erwarte.
Aber auch in allen anderen Punkten wurde ich nicht enttäuscht. Beim ersten Buch „Die Akte Harlekin“ schrieb ich schon, dass ich es genial fand, und dies kann ich hier nur nochmal wiederholen. Es gibt aus meiner Sicht rein gar nichts negativ zu kritisieren, nur wenige Thriller habe ich in solcher Geschwindigkeit und mit stetig wachsender Begeisterung gelesen.
Die Handlung ist sehr spannend gehalten, kurze Ruhepausen werden sofort wieder von unerwarteten Wendungen und neuen Erkenntnissen abgelöst. Allein der Prolog bescherte schon die erste Gänsehaut. Am Ende wird dann noch einmal alles durcheinandergewürfelt, bis endlich alle losen Puzzleteile an ihren Platz rutschen.
Ganz genau einen Tag habe ich zum Lesen gebraucht, und ich finde es sehr schade, dass der Autor nicht ebenso schnell schreiben kann. Meinetwegen könnte die Geschichte um Richard Winter sofort weitergehen.
Dieser ist mittlerweile ein absoluter Sympathieträger für mich. Natürlich mit Ecken und Kanten, aber ohne übertrieben zu wirken. Er hat seine Macken, wie auch die anderen Figuren in diesem Buch, und genau das lässt sie menschlich wirken. Auch seine Beziehungsprobleme oder -wünsche habe ich gerne gelesen, sie dominieren nicht das Buch und spielen keine tragende Rolle, lockern das Ganze aber ebenso wie sein trockener Humor angenehm auf.
Und dann ist da noch Winters Neffe Michael, den er nicht ganz freiwillig als Praktikanten bei sich aufnimmt. Typisch pubertär und doch ein bisschen anders als die Anderen, passt er perfekt zu der Figur Winters. Nebenbei hat Michael noch einen sehr ähnlichen Musikgeschmack wie ich, das lässt ihn natürlich noch ein wenig authentischer wirken ;-)
Spaß beiseite, alle Figuren sind wunderbar dargestellt und erfüllen ihre Rollen glaubwürdig.
Die dargestellten Emotionen kamen immer an, mehrmals hatte ich beim Lesen eine wohlig-gruselige Gänsehaut und auch die teilweise wirklich brutalen Szenen wurden so angemessen beschrieben, dass sie brutal wirkten, aber keinen Brechreiz auslösten. Genau die richtige Menge an Informationen zur Handlung also.
Wer Thriller mit einem leichten Hang zum Übernatürlichen mag, kann hier völlig bedenkenlos zugreifen. Auch Freunde des gemäßigteren Horrors werden zufrieden sein. Und ich denke, auch wer sonst eher Thriller mit realem Hintergrund liest, kann sich ruhig an diesem Buch versuchen und dürfte nicht enttäuscht sein, sofern er (oder sie) vorher weiß, worauf er sich einlässt. Für mich ist Thomas Vaucher im Bereich der dunkleren Literatur sehr weit vorne und lässt manchen bekannteren Autor deutlich hinter sich zurück.
Riverfield Verlag, 2018, Hardcover, 348 Seiten
Die Akte Harlekin
Ein Harlekin spielt mit Menschenleben, bis zum Schachmatt
Großen Wert hat Richards Leben nicht mehr, als seine ehemaligen Kollegen bei ihm auf der Matte stehen, weder für ihn selbst, noch für Andere. Sein einziges Tagesziel besteht darin, den Alkoholpegel wieder aufzufüllen, einzig Hündin Sydney ist ein Lichtblick für ihn. Trotzdem steht Kommissarin Sabine plötzlich vor seiner Tür, zusammen mit einem unsympathischen, neuen Kollegen, und bittet um Hilfe in einem mysteriösen Mordfall. Ein unheimlicher Serienkiller geht um in der beschaulichen Hansestadt Bremen, drei Menschen hat er schon auf dem Gewissen, gefoltert, gequält und getötet. Allen gemeinsam ist nur, dass sich auch ihre Angehörigen kurz nach den Taten das Leben genommen haben, mit einer sehr skurrilen Erklärung. Doch es soll noch viel schlimmer kommen, als Richard sich entschließt, bei den Ermittlungen zu helfen. Menschliche Abgründe treffen hier auf okkulte Praktiken, auf ein mysteriöses Schachspiel und bis zum Schluss wissen weder Richard noch die Leser, wer Freund oder Feind ist.
Soviel kurz zum Inhalt, jetzt zu meinem Eindruck: Ich bin begeistert.
Lange habe ich kein Buch mehr in solch kurzer Zeit verschlungen, es ist unmöglich, es aus der Hand zu legen und einfach schlafen zu gehen. Das Schlafen generell ist sowieso ein Problem nach dieser Lektüre, der Inhalt ist definitiv nichts für schwache Nerven und man weiß ja nie, ob sich die Geister des Buches nicht auch ins eigene Schlafzimmer … na gut, lassen wir das, ich will ja sachlich bleiben.
Vor rund zwanzig Jahren habe ich viele Bücher gelesen, die dem Horrorgenre zuzuordnen sind, irgendwann jedoch wurden die irrealen Elemente immer weniger und ich bin bei den Thrillern hängen geblieben, die ausschließlich menschliche Monster als Täter beschreiben. Vorliegendes Buch ist eine Mischung aus beidem, und vielleicht war es das für mich Ungewohnte, das mich so gefesselt hat. Sicher, Hardcore-Horror ist hier nicht zu finden. Eher ein deutlicher Gruseleffekt, in der Hauptsache aber blutige Thrillerelemente.
Die Idee des Buches gefällt mir sehr, insbesondere das Motiv des Mörders und die Durchführung seiner Taten habe ich so noch nicht gelesen. Die Spannung bleibt während der gesamten Geschichte aufrecht, eigentlich kann man kaum von einer Spannungskurve sprechen. Eher von einer rasanten Steigerung nach oben. Mehrmals glaubte ich, genau zu wissen, wer der Täter sei, letzten Endes ging es mir aber wie dem Protagonisten: Bis zum Schluss ist nicht definitiv sicher, wer denn nun der oder das Böse ist. Zwischendurch ist noch nicht einmal klar, was real oder lediglich geträumt ist. Hier hat der Autor wirklich ganze Arbeit geleistet beim Legen von falschen Fährten.
Das Ende passt dann auch perfekt ins Gesamtbild: Es bietet gleich mehrere Überraschungen und ist beim besten Willen nicht in seinem gesamten Umfang vorhersehbar.
Der Schreibstil ist sehr anschaulich und detailreich, man ist sehr schnell mitten in der Geschichte und lebt und leidet mit den Figuren. Diese wiederum wachsen mit dem Buch und dem Erlebten. Authentisch wirken sie schon zu Beginn, aber gerade bei dem Protagonisten Richard spürt man sehr deutlich, wie er von einem abgewrackten Säufer zu einer Person wird, die ihr Leben wieder im Griff haben will. Wie er einem als Leser irgendwann unmerklich sympathisch wird. Auch seine Partnerin Catherine ist ähnlich dargestellt und macht einen deutlichen Wandel durch.
Der Antagonist dagegen spricht eigentlich ganz freundliche Worte, oder zumindest in einem ganz entspannten Tonfall, wenn die Perspektive zu ihm wechselt. Und während er Menschen auf äußerst brutale Art foltert.
Gänsehautmomente pur, die so nur wenige Autoren bei mir erzeugen können.
Insgesamt ist dieses Buch eines meiner Jahreshighlights. Stilistisch sehr ausgefeilt, spannend, innovativ, brutal und rasant. Sobald ich vergessen habe, wer der Mörder ist, werde ich es nochmal lesen. Ganz sicher bekommt das Buch einen festen Stammplatz in meinem Regal und ich werde mir auch die anderen Werke des Autors ansehen, auch wenn dies sein erster Thriller ist.
Eine Empfehlung gibt es für all jene Leser, die ein wenig Blutvergießen nicht abgeneigt sind, wenn sie dafür einen perfekten Gruselfaktor geboten bekommen.
Riverfield Verlag,
Hardcover, 352 Seiten, September 2016