Nachschlag

Ich bin dein Herr und Mörder

 

 

Wenn aus fesselndem Vergnügen tödlicher Ernst wird...

 

Björn Tänzer lebt ein geregeltes, fast schon biederes Leben als Zahnarzt in Lübeck. Ganz anders sein Bruder Ole, dieser hat schnell gemerkt, dass ihm das beschauliche Städtchen zu eng und langweilig ist und sich auf den Weg in die deutsche Hauptstadt gemacht. Nichts Ungewöhnliches, denkt sich auch Björn und macht sich deswegen auch noch keine größeren Sorgen, als er längere Zeit nichts von seinem Bruder hört.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter, instinktiv scheucht sie den Zahnarzt nach Berlin, damit dieser dort nach dem Rechten schauen kann. Brav fügt er sich und findet erst mal nichts. Vor allem nicht seinen Bruder. Dafür aber Ulli, Oles augenscheinlich beste Freundin. Auch diese hegt allerdings den Verdacht, dass Oles Verschwinden ganz und gar nicht normal ist, weswegen die Beiden sich auf die Suche machen. Dabei entdecken sie Dinge, die Ulli schon geahnt hat, Björn sich aber nicht mal in seinen finstersten Träumen vorstellen konnte. Sein gesamtes Weltbild wird über Kopf geworfen, er stellt fest, dass er seinen Bruder kaum gekannt hat und gerät immer weiter in einen Strudel aus erotischen Abenteuern, die er nicht versteht und die nicht nur für seinen Bruder gefährlich werden.

 

Ich muss zugeben, einen Thriller zu lesen, der in der SM-Szene angesiedelt ist, ist doch eine andere Hausnummer, als einen „normalen“ Thriller. Dort gibt es zwar auch Gewalt, Mord und Totschlag, jedoch ist dies dann nicht mit Erotik verknüpft und geschieht auch nicht freiwillig. Gerade dies ist jedoch auch das Faszinierende an diesem Buch, öffnet es doch die Tore zu einer Welt, die ich vorher kaum kannte und dafür sind schließlich Bücher da.

Nach dem großen Erfolg eines gewissen anderen Buches, das zumindest das Thema Sado-Masochismus anreißt, kann man sich mit vorliegendem Buch sogar in die Öffentlichkeit trauen. Während „Shades of Grey“ jedoch eine Liebesgeschichte ist, etwas weichgespült, kitschig und verromantisiert, besticht „Nachschlag“ durch Spannung, Geschwindigkeit und klare Worte. Erotisch fand ich es in keiner Weise, aber es hat alle Stilelemente, die einen guten Thriller ausmachen und das ist es, was ich lesen möchte.

 

Durch das gesamte Werk zieht sich die Aussage: „Leben und leben lassen.“ Es ist in Ordnung, wenn erwachsene Menschen in gegenseitigem Einvernehmen ein Liebesleben führen, das vielleicht ein bisschen (oder mehr) von dem abweicht, was der größere Teil der Gesellschaft für normal hält.

Es ist völlig egal, zu welchem Geschlecht man sich hingezogen fühlt, in welche Rollen man schlüpft und wie man sein Sexualleben gestaltet, solange alle Beteiligten damit glücklich sind.

Diese „Moral“ des Buches entspricht meinem Empfinden von einem entspannten Zusammenleben und gefällt mir darum fast noch besser, als die Geschichte an sich.

 

Sprachlich ist die Geschichte sehr ansprechend geschrieben und gut in einem Rutsch zu lesen. Die Protagonisten agieren schlüssig und menschlich, vor allem die direkte, eigenwillige Art Ullis ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Insgesamt ein Buch, das sich zu lesen lohnt, wer kein Problem mit blutigen Details und unter Umständen irritierenden Sexualpraktiken hat, generell Thriller mag und auf der Suche nach neuem Lesestoff ist, ist hier gut aufgehoben.

 

U-Line Dunkelkammer; Auflage: 1, November 2013, Taschenbuch, 252 Seiten

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