Gesichter des Verrats
Wenn eine Liebesgeschichte zu einem Thriller wird
Anne ist ganz unten angekommen. Sie lebt auf der Straße, ungewaschen, stinkend und immer auf der Suche nach etwas Essbarem, um den Tag zu überleben.
Dabei kommt sie eigentlich aus gutem Haus, ist gebildet und hatte alles, was man sich wünschen kann. Eigentlich. Etwas ganz Entscheidendes hat ihr nämlich von klein auf gefehlt: Liebe. Ihre Mutter gab ihr die Schuld an ihrer Krankheit und lies Anne dies ihr Leben lang spüren. So verwundert es nicht, dass Anne von Roberts Charme geblendet wird, als sie diesen äußerst gutaussehenden und beruflich sehr erfolgreichen Mann kennen lernt. Er gibt sich überaus liebevoll, umwirbt sie und erreicht schließlich, dass sie ihm mit Haut und Haaren verfällt. Sollten die Warnungen ihrer Freundin vielleicht doch aus der Luft gegriffen sein und er der Traummann sein, für den Anne ihn hält? Es scheint so. Doch auch andere Personen in ihrem Leben spielen nicht mit offenen Karten und für Anne wird erst am Ende ihrer Geschichte klar, wer welches Spiel mit ihr spielt und wer letzten Endes der wirkliche schwarze Peter ist.
Das Buch startet erschreckend mit dem Leben der obdachlosen Anne und ihrem Dasein auf der Straße. Nach diesem Prolog scheint sich dann eine ganz normale Liebesgeschichte daraus zu entwickeln, mit Hürden und dem klassischen „Erst zieren sie sich - aber am Ende bekommen sie sich doch. Ein bisschen Familiendrama dazu, fertig. Aber ganz schleichend wird das Buch immer subtiler und böser, ohne dass man so recht merkt, wann genau die Stimmung so umgeschlagen ist. Was harmlos schien, wird ziemlich brutal, und zum Ende hin sollte jeder Thrillerfan auf seine Kosten kommen. Dieser langsame, aber eindrucksvolle Spannungsaufbau hat mir sehr gefallen und dafür gesorgt, dass ich mal wieder eine Nacht mit weniger Schlaf auskommen musste, weil ich das Buch unbedingt beenden wollte.
Die Charaktere sind sehr vielschichtig gestaltet, Anne als Protagonistin zum Beispiel hat durchaus ihre Macken und Eigenarten, ist geprägt durch ihre lieblose Kindheit und hat schnell lernen müssen, dass man mit Geld nicht alles kaufen kann. Sie hat ihre empfindliche Seele hinter einem dicken Panzer versteckt und der Einzige, der diesen durchdringen kann, ist Robert. Dieser wiederum erscheint liebevoll und freundlich, auch wenn von Beginn an zu erahnen ist, dass Vieles nur gespielt ist. Aber beim Lesen hatte ich trotzdem oft ein ähnliches Gefühl wie Anne: Die negativen Dinge nimmt man nur unterschwellig wahr und zweifelt immer wieder: Ist er nun nett, oder will er Böses? Diese Ungewissheit konnte die Autorin bis zum Schluss aufrecht halten, dank der sehr authentischen Ausgestaltung der Figuren.
Am Ende wird alles aufgeklärt und lose Fäden werden miteinander verknüpft. Ob es nun ein Happy End ist, was dabei herauskommt, liegt im Auge des Betrachters. Mir hat der Schluss jedenfalls gefallen, er hat das gesamte Buch einer runden Sache gemacht.
Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen, die Geschichte ist flüssig und stimmig konstruiert und wenn auch die Idee des Ganzen nicht überaus neu ist, so ist sie doch interessant und spannend verpackt. Ich empfehle das Buch gerne weiter, vor allem Freunde von eher unblutigeren Thrillern kommen hier in einen kurzweiligen Lesegenuss.
364 Seiten, CreateSpace Independent Publishing Platform (10. Dezember 2015)